Verschollen und wiedergefunden

Intern nannten wir ihn nur das „russische Raumschiff“ – ein alter Schnittcomputer, den ich damals zusammen mit der Kamera gekauft hatte und der ausschliesslich für den Schnitt von „30 km/h – Das Roadmovie“ verwendet wurde. Er stand bei Luca im Zimmer, und nach Abschluss des Films kümmerte ich mich nicht weiter darum. Jahre später, während der Corona-Pandemie, begann ich meine alten MiniDV-Kassetten zu digitalisieren – über 50 Stück – in der festen Überzeugung, dass sich die Rohbänder des Films darunter befinden. Doch da war nichts. Die Aufnahmen, von denen ich ausging, dass sie längst gesichert seien, waren schlicht nicht auffindbar. Also blieb nur eine Möglichkeit: zurück zum „Raumschiff“. Am 20. März 2020 nahm ich nach über zwölf Jahren wieder Kontakt mit Luca auf, und exakt zwei Monate später konnte ich den Computer bei seiner Mutter im feuchten Keller abholen – im freiwilligen Austausch gegen eine Magnumflasche Wein. Ein Glücksfall, denn nach mehreren Umzügen war es alles andere als selbstverständlich, dass das Gerät überhaupt noch existierte. Der Zustand war allerdings bedenklich: kein Bild, kein Hochfahren, nur ein ungesundes Pfeifen. Was folgte, war weniger Filmschnitt als vielmehr eine Art digitale Archäologie. Mit Adaptern, offenen Festplatten und viel Geduld versuchte ich, an die Daten zu kommen. Einige Festplatten liessen sich auslesen, andere enthielten nur Fragmente, bei einer riss ich sogar den Stecker ab, der anschliessend von meinem Bruder wieder notdürftig angelötet wurde. Doch die entscheidende Festplatte blieb stumm – beschädigt, scheinbar unzugänglich. Erst mit Hilfe eines Recovery-Programms, das ich mir kurzerhand für 70 Franken besorgte, gelang es schliesslich doch, die Daten zu öffnen. Und da waren sie. Die verlorenen Aufnahmen. Das „Raumschiff“ wurde kurz darauf entsorgt – es hatte seinen letzten Einsatz erfüllt. Die originalen DV-Bänder sind bis heute verschwunden, vielleicht existieren sie noch irgendwo. Aber die Aufnahmen sind gerettet.